Es gibt diesen Moment in Gruppen, in Teams, Organisationen, Familien, in dem plötzlich alles klar scheint. Wo vorher noch Reibung, Unsicherheit, Ambivalenz war, entsteht auf einmal Einigkeit.
Diese Einigkeit hat fast immer ein Gesicht. Ein gemeinsames Gegenüber, auf das man sich einigen kann. Eine Person, über die man zu einer neuen Ordnung kommt. Sie oder er ist das Problem.
Was dann geschieht, ist menschlich und doch tief beunruhigend. Denn mit dem gemeinsamen Urteil kommt der innere Friede in der Gruppe. Als hätte man endlich eine Erklärung gefunden, die alle emotional tragen können. Die Welt sortiert sich, Grauzonen verschwinden. Die eigene Position fühlt sich plötzlich stabil an, manchmal sogar moralisch überlegen.
Und da ist sie dann, die Etikettierung: die Störerin. Der Egomane. Die „toxische“ Führungskraft. Das hypersensible Familienmitglied.
Wenn Gruppen sich einig sind, wer das Problem ist, wird oft nicht mehr gefragt, was das Verhalten der Person vielleicht sichtbar macht. Stattdessen beginnt die kollektive Bestätigung. Man sieht das jetzt auch so. Der emotionale Schulterschluss wird mit jedem Nicken fester.
Was wie Klarheit wirkt, ist oft nichts anderes als kollektive Vereinfachung. Eine emotionale Entlastung auf Kosten der einen, auf die gezeigt wird.
Ich sehe, wie die Komplexität der Situation nach außen verlagert wird. Wie man sich entlastet vom eigenen Anteil. Wie ein ganzes System stillschweigend beschließt, nicht mehr bei sich selbst hinzuschauen und mal ein Fragezeichen an das eigene Verhalten zu setzen.
Und das Tragische ist: Genau in dem Moment hört Entwicklung auf.
Solange wir Konflikte als Beweis für die Fehler der anderen verstehen, bleibt alles dort, wo es ist. Die Prozesse im Inneren, unberührt. Die eigene Rolle, unangetastet. Und so verwechselt man Rechthaben leicht mit Reife.
Aber immerhin ist man sich einig 🤷🏻♀️.
PS: Ich erlebe zum Glück auch das andere: Gruppen, die sich selbst hinterfragen. In denen jemand den Mut hat, einen Moment innezuhalten und zu sagen: „Wartet mal… sind wir da gerade nicht zu schnell, zu eindeutig?“ Solche Situationen berühren mich jedes Mal, weil da Entwicklung beginnt.




