Seit Jahren erlebe ich in der Beratung von Organisationen, wie fragil Führung in Krisenmomenten sein kann und wie schnell Macht ihren Platz wechselt. Diese Beobachtungen haben meinen Blick auf Organisationen und ihre Dynamiken nachhaltig geprägt.
In der Beratung von Organisationen zeigt sich immer wieder: Machtvakuum entsteht selten plötzlich, aber in der Krise wird es sichtbar. Eine Führungskraft fällt aus, Entscheidungen bleiben aus, Rollen werden nicht geklärt. Die Verantwortung ist formal noch vorhanden, aber praktisch nicht mehr spürbar.
Macht verschwindet nicht. Sie verlagert sich. Und zwar oft leise, informell, unstrukturiert. Einfluss entsteht dort, wo eigentlich Führung gefragt wäre… nur ohne Mandat. Was folgt, ist nicht Chaos, sondern Selbstorganisation: politisch, pragmatisch, aber selten legitimiert. Eine Organisation, die sich „irgendwie“ weiterbewegt, doch oft auf Kosten von Klarheit und Vertrauen.
Herausfordernd wird es, wenn das Machtvakuum erkannt wird, etwa durch externe Beratung. Denn bis dahin haben sich längst Routinen gebildet. Informelle Verantwortung wird übernommen, Entscheidungen werden verteilt, Räume gefüllt. Nicht aus Illoyalität, sondern aus Notwendigkeit.
Doch was sich in Übergangszeiten eingespielt hat, wird aus meiner Erfahrung schnell zur neuen Ordnung. Eine Rückkehr zu klarer, mandatierter Führung ist dann kein Reset, sondern ein Eingriff: in Gewohnheiten, in still etablierte Strukturen, in psychologische Besitzverhältnisse.
Genau das macht Beratung so anspruchsvoll: Wer informelle Machtlinien sichtbar macht, bringt funktionierende, wenn auch inoffizielle, Strukturen ins Wanken. Das erzeugt oft Abwehr oder Widerstand, nicht weil jemand etwas falsch gemacht hat, sondern weil sich informelle Arrangements längst eingespielt haben und als funktional erlebt werden, auch wenn sie formal nicht legitimiert sind.
Die eigentliche Kunst besteht darin, solche Dynamiken systemisch zu erfassen, politisch zu verstehen, verständnisvoll zu begleiten und dennoch das Unbequeme auszusprechen.




