"Man wird sich doch wohl noch was vormachen dürfen, Kristin!"
Sich etwas vormachen als letzter kleiner Schutz, bevor man der Wahrheit wirklich begegnen muss.

Heute sagte eine Frau im Coaching diesen Satz "Man wird sich doch wohl noch was vormachen dürfen, Kristin!" zu mir und ich musste kurz lachen, weil der Satz erstmal klingt wie eine sehr charmante Ausrede mit Schleifchen drum.
Gleichzeitig blieb er hängen, weil darin etwas steckt, das ich sehr ernst nehme: Man macht sich selten komplett ahnungslos etwas vor 😅. Meistens hat man längst eine Ahnung, manchmal sogar eine ziemlich genaue und tut trotzdem noch eine Weile so, als sei alles offen, als könne es sich noch sortieren, als müsse man nur noch einmal anders gucken, besser erklären, ruhiger bleiben, verständnisvoller sein oder eine Nacht drüber schlafen.
Das Interessante ist ja, dass wir oft sehr schnell merken, wenn etwas nicht mehr stimmt. In einem Job, in einer Beziehung, in einer Zusammenarbeit, in einer Entscheidung, die man schon zu lange mit sich herumträgt. Der Körper ist oft früher informiert als die hübsche Erzählung, die man sich dazu gebaut hat. Man spürt Enge, Gereiztheit, Müdigkeit, dieses kleine innere Wegkippen, wenn wieder dieselbe Situation passiert und gleichzeitig sitzt irgendwo im Kopf noch eine sehr engagierte Stimme und formuliert Gründe, warum das alles gar nicht so eindeutig ist.
Was daran so spannend ist: Selbsttäuschung ist ja keine Dummheit, oft ist sie eher eine Übergangsform. Eine innere Konstruktion, die noch ein bisschen Zeit kauft, bis man die Folgen der eigenen Erkenntnis aushält. Denn die Wahrheit zu wissen ist das eine, aus ihr etwas machen zu müssen, ist eine ganz andere Nummer.
Manchmal hält man an einer Situation fest, obwohl man längst etwas verstanden hat, weil man sehr genau ahnt, was sich verändern müsste, wenn man es wirklich ernst nimmt. Dann ist dieses „sich etwas vormachen“ kein besonders edler, aber ein ziemlich menschlicher Versuch, noch einen Moment im Alten zu bleiben, bevor das Neue unverschämt konkret wird.
Ich mag den Satz deshalb sehr: „Man wird sich doch auch noch was vormachen dürfen.“ Ja, kurz vielleicht. Als Zwischenlager für Wahrheiten, die noch zu schwer sind, um sie direkt in Handlung zu übersetzen. Problematisch wird es vermutlich erst, wenn man das Zwischenlager renoviert, möbliert und anfängt, dort Post zu empfangen.
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