Wo lohnt es sich, sich anzulegen und wo nicht?

Nicht alles, was falsch ist, verdient sofort Energie, Zeit oder entschlossenen Widerspruch.

June 28, 2026

Letzte Woche sind mein Coachee und ich im Coaching ein bisschen abgedriftet und in einer kleinen Philosophiestunde gelandet.

Ausgangspunkt war die Frage: Wo lohnt es sich, sich anzulegen und wo nicht?

Ich finde diese Frage ziemlich erwachsen. Nicht im Sinne von „abgeklärt“, sondern eher, weil sie etwas voraussetzt, das ich mit Anfang zwanzig jedenfalls noch nicht besonders gut konnte: unterscheiden zwischen dem, was ich falsch finde und dem, wofür ich wirklich Energie aufbringen will.

Noch vor ein paar Jahren musste ich darüber nicht lange nachdenken. Wenn etwas unfair, halbgar, übergriffig oder sehr überzeugt falsch war, war ich oft bereit, mich anzulegen. Für mich, für andere, manchmal auch für Menschen, die sich selbst gar nicht anlegen wollten. Rückblickend wohl eine Mischung aus Gerechtigkeitssinn, Energieüberschuss und leichter Selbstüberschätzung.

Heute finde ich nicht weniger Dinge falsch. Der Unterschied ist eher, dass nicht mehr jede Unstimmigkeit sofort Zugriff auf meine Energie bekommt.Genau darüber haben wir nachgedacht: dass man mit den Jahren hoffentlich nicht gleichgültiger wird, sondern genauer in der Frage, was den eigenen Widerspruch wirklich verdient. Früher hat oft schon gereicht, dass etwas nicht stimmte. Eine schlechte Begründung, eine komische Dynamik, ein Satz, der zu selbstsicher über etwas hinwegging und ich war innerlich sofort dabei. Nicht immer zu Unrecht, oft sogar mit guten Gründen, aber eben auch ziemlich schnell.

An dieser Schnelligkeit sind wir hängengeblieben. Manchmal steckt darin Haltung, manchmal aber auch die Schwierigkeit, Dissens auszuhalten. Diese innere Unruhe, wenn etwas unaufgelöst bleibt. Wenn jemand etwas sagt, das man anders sieht oder wenn eine Sache falsch im Raum stehen bleibt und man fast körperlich merkt, wie gern man jetzt einsteigen würde.

Am Ende ging es um diese Grenze: Wann lasse ich etwas stehen, weil es die Sache nicht wert ist? Und wann verkaufe ich mir mein Schweigen als Gelassenheit, obwohl es eigentlich eher Konfliktvermeidung ist?Ich mag diese Frage, weil sie weder Feigheit noch Dauerempörung belohnt. Sie verlangt etwas Anstrengenderes: prüfen, bevor man losgeht.

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