„Verstehst du das?" - „Das versuche ich erst gar nicht."
Verstehen ist nicht Zustimmung: wer es verweigert, schützt sich und blockiert Annäherung.

Vor ein paar Tagen in einer Mediation fiel dieser Satz: „Verstehst du das?" - „Das versuche ich erst gar nicht."
Was mich daran packt, ist die Radikalität des „erst gar nicht". Da sagt jemand nicht: „Ich kann gerade nicht." Da sagt jemand: „Ich werde diese Art von Arbeit nicht einmal beginnen." Und das ist meist kein Intelligenzthema ist eine Entscheidung darüber, ob das Gegenüber überhaupt noch als jemand gilt, dessen Innenwelt relevant ist.
In Konflikten wird „verstehen" oft fälschlich als „einverstanden sein" gleichgesetzt. Als würde Nachvollziehen automatisch Zustimmung bedeuten.
Genau diese Verwechslung macht Verstehen riskant. Wer glaubt, Verstehen sei Nachgeben, schützt sich, indem er es verweigert. Dann wird Ignoranz zur m Selbstverteidigung: Ich halte an meiner Position fest, indem ich deine Perspektive gar nicht erst in mir entstehen lasse.
Das Interessante ist: Hinter dieser Verweigerung steckt fast immer etwas sehr Konkretes. Manchmal Überdruss:
„Ich habe es tausendmal versucht, es bringt nichts." Manchmal Kränkung: „Du hast meine Versuche nicht gewürdigt, also bekommst du keinen mehr." Manchmal Angst vor Verletzbarkeit: Wer wirklich versteht, kann nicht mehr so tun, als wäre alles eindeutig. Manchmal auch Strafe: „Ich entziehe dir die Anerkennung, die im Verstandenwerden liegt." Und ja, manchmal ist es schlicht ein Machtmittel. Verstehen kostet. Wer es verweigert, zwingt das Gespräch in die Form: entweder Angriff oder Rückzug. Das ist übersichtlich und genau das ist der Reiz daran.
Für mich war dieser Moment eine Erinnerung, worauf Mediation zielt, wenn sie gut ist: auf eine saubere Trennung von zwei Dingen, die im Streit ständig vermischt werden. Verstehen und einverstanden sein sind nicht dasselbe. Und es hilft, sie auseinanderzuhalten. Erst einander versuchen zu verstehen, ohne dass wir gleichzeitig einverstanden sein müssen. Dieses Nebeneinander stehen lassen, verstehen und nicht einverstanden, ist in der Mediation oft schon eine mini-klitzekleine winzige Annäherung. Und dann kann man im nächsten Schritt gucken, wie es damit weitergeht.
Weitere Beiträge

Warum Positivitätsfloskeln uns sprachlos zurücklassen
Toxische Positivität tröstet scheinbar, beendet aber Nähe statt Gespräch.
Zum Artikel
Welche Wirkung möchten Sie, dass dieser Kommentar hat?
Eine kluge Frage stoppt Rechtfertigung und bringt das Gespräch zurück in die Steuerung.
Zum Artikel
Wie man souverän peinlich bleibt
Souverän ist nicht, Peinlichkeit zu vermeiden, sondern sie mit Humor auszuhalten.
Zum Artikel