Wenn jemand alles durchschaut, außer sich selbst
Reflexion braucht Demut: Analyse darf nicht zur Deutungsmacht ohne eigene Selbstprüfung werden.

Der Text hier ist auch ein bisschen an mich selbst gerichtet. In meiner Arbeit und ehrlich gesagt auch in meinem eigenen Denken, kenne ich die Versuchung, mich auf die Meta-Ebene zu setzen und von dort aus sehr klar zu sehen, was bei anderen „eigentlich" passiert und ich merke, wie schmal der Grat ist zwischen Reflexion und Deutungsmacht.
Es gibt Menschen, die scheinbar mühelos andere analysieren: Sie erkennen Muster, benennen Dynamiken, verweisen auf Bindungsthemen, Rollen, Glaubenssätze. Das kann beeindruckend reflektiert wirken und manchmal ist es das auch. Gleichzeitig bleibt bei mir ein Fragezeichen, wenn dabei die eigene Beteiligung kaum vorkommt. Wer sehr viel über andere „weiß", läuft schnell Gefahr, die eigenen blinden Flecken zu übersehen. Gerade in beratenden Berufen ist die Meta-Ebene ein wichtiges Werkzeug. Wir brauchen Distanz, um Strukturen und Dynamiken erkennen zu können. Problematisch wird es dort, wo diese Perspektive nicht mehr als eine mögliche Sicht benannt wird, sondern stillschweigend den Status von „so ist es" bekommt. Dann entsteht eine subtile Hierarchie: Die eine Seite gilt als vernünftig, bewusst, „weiter", die andere als emotional, verstrickt, „noch nicht so weit"
Das ist eigentlich gut erklärbar: Deutungsmacht gibt Sicherheit. Wer Bedeutungen festlegt, muss sich weniger mit der eigenen Verletztheit, Irritation oder Ohnmacht auseinandersetzen. Die Meta-Ebene schützt dann auch vor Selbstkonfrontation. Für die Person auf der anderen Seite fühlt sich das oft weniger nach Interesse und mehr nach Seziertwerden an. Man wird erklärt, statt gefragt, beschrieben, statt als Gegenüber ernst genommen. Beziehung entsteht aber nicht dort, wo eine Person sich über die andere stellt, sondern dort, wo beide bereit sind, die eigene Sicht als genau das zu behandeln: eine Sicht, nicht die Wahrheit.
Ich versuche deshalb, mal gelingt es besser, mal schlechter, mir in solchen Situationen zwei Fragen zu stellen: Dient meine Analyse gerade dem Kontakt oder vor allem meinem Bedürfnis nach Kontrolle? Und bin ich bereit, meine eigene Rolle in der Dynamik genauso ernst zu nehmen wie die der anderen Person?
Weitere Beiträge

Neuer Fachartikel im Spektrum der Mediation
In meinem Fachartikel geht es um Macht und Abhängigkeit in Organisationen und Mediation.
Zum Artikel
Wir müssen uns selbst kluge Fragen stellen
Statt nach dem Warum zu fragen, hilft es mehr zu erkennen, was man in Verletzung verloren hat.
Zum Artikel
„Ich will ja an mir arbeiten, Kristin. Ich merke aber, wie unfassbar anstrengend ich bin.“
Entwicklung ist ein innerer Konflikt – Geduld, Nachsicht und Humor helfen.
Zum Artikel