Wie man sich selbst gaslightet

Wie wir Kritik verinnerlichen und unserer eigenen Wahrnehmung misstrauen.

March 7, 2026

Letzte Woche im Coaching erzählte mir eine Klientin, Medizinerin, von einer Podiumsdiskussion. Nach ihrem Beitrag meldete sich ein Mann aus dem Publikum und sagte: „Das ist interessant, nur wirken Sie dabei erstaunlich emotional. Das erschwert die Einordnung." Inhaltlich stellte er nichts in Frage, was sie gesagt hatte. Er bewertete, wie sie dabei wirkte. Sie reagierte freundlich, bedankte sich, wurde noch sachlicher. Später schrieb sie mir: „War wahrscheinlich unprofessionell von mir."

Im Coaching erkennt man in solchen Momenten oft einen sehr automatischen Ablauf: Selbstgaslighting. Eine innere Instanz schaltet sich ein, sie bewertet, relativiert und erklärt. Meine Klientin begann, ihr Erleben gegen sich zu wenden, bis es möglichst „unproblematisch" war. Dann ging es los in ihrem Kopf: „War das gerade zu viel? Hätte ich ruhiger klingen müssen?" Und fast automatisch kam der nächste Schritt: „Vielleicht hab ich's falsch aufgenommen. Vielleicht war das gar nichts. Stell dich nicht so an."

Das ist keine fehlende Reflexion, im Gegenteil. Es ist Reflexion als Selbstentwertung. Wir machen aus einem konkreten sozialen Impuls ein Charakterthema. Wir suchen den Fehler bei uns, weil das sofort Kontrolle verspricht und weil es gesellschaftlich belohnt wird: Die Person, die sich selbst korrigiert, gilt als professionell, die Person, die irritiert ist, gilt als schwierig.

Ihr Körper hatte sehr klar reagiert: Irritation, Spannung und ein innerer Ärger. Das sind keine peinlichen Aussetzer, das sind Informationen. Der Kommentar reduzierte Kompetenz auf Affektkontrolle und unterstellte, emotionale Lebendigkeit mindere die Gültigkeit von Argumenten. Das ist eine normative Setzung, keine fachliche Kritik.

Ich fragte sie, was sie inhaltlich ändern würde, wenn jemand sie „emotional" nennt. Sie hatte keine Antwort, weil es darauf fachlich keine sinnvolle Reaktion gibt. Dann fragte ich, was sie gerade an sich selbst zurücknimmt, um als „angenehm" zu gelten. Sie sagte: „Ich traue mir weniger."

Selbstgaslighting ist genau dieses Muster: Statt zu prüfen, ob am Kommentar etwas Konkretes dran ist, erklärt man die eigene Reaktion zur Unzuverlässigkeit. Kurzfristig senkt das die Reibung. Langfristig beschädigt es das Vertrauen in die eigene Wahrnehmung. Im Coaching geht es weniger darum, die Szene kognitiv umzudeuten. Es geht darum, Selbstvalidierung wieder zu verankern. Was habe ich wahrgenommen? Was hat das mit mir gemacht? Welche Norm wurde hier implizit gesetzt? Und welche davon möchte ich übernehmen?

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