Wie man souverän peinlich bleibt
Souverän ist nicht, Peinlichkeit zu vermeiden, sondern sie mit Humor auszuhalten.

Urlaub mit Teenager ist ein Crashkurs in Wahrnehmung. Meine Tochter ist nämlich keine, die nur sagt: „Mama, du bist peinlich.“ Sie macht das viel raffinierter, mit einem hochgezogenen Augenbrauenkommentar, trockenem Humor und dieser unbarmherzig-intelligenten Art, die genau trifft: „Andere finden das gerade cringe.“
Und sie hat recht. Peinlich ist, wenn man im Fahrstuhl schweigt. Aber auch peinlich, wenn man den Smalltalk startet. Peinlich ist, wenn man auf der Tanzfläche nur am Glas nippt. Aber auch, wenn man mittanzt.
Was sie mir damit zeigt: Peinlichkeit ist weniger ein objektiver Zustand, sondern eine Art sozialer Schwebezustand. Ein ständiges Sowohl-als-auch. Und genau da wird es interessant. Denn dieses Spannungsfeld ist nichts anderes als Ambiguität.
Ambiguitätstoleranz bedeutet, das Aushalten von Mehrdeutigkeiten. Teenager sind unsere unbestechlichen Lehrmeister darin, weil sie gnadenlos zeigen, wie schnell man zwischen den Polen wechselt: heute cool, morgen cringe, manchmal beides gleichzeitig.
Im Coaching begegnet mir das in einer erwachsenen Variante. Wer schweigt, wirkt unbeteiligt. Wer viel redet, wirkt dominant. Wer vorsichtig formuliert, gilt als unentschlossen. Wer klar spricht, als autoritär. Wer Distanz wahrt, gilt als kühl. Wer Nähe zulässt, als schwach.
Wir nennen das dann professionell „strategisch“, „vorsichtig“ oder „bedacht“. Teenager erledigen das mit einem Augenrollen.
Souveränität heißt nicht, Peinlichkeit aus dem Weg zu räumen. Souverän ist doch, wer sie aushält, wer sie mit Humor nimmt und dadurch glaubwürdiger wirkt als jemand, der um jeden Preis “glatt” erscheinen will.
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